Reisen

Nachhaltig Reisen: Der Guide

Beim nachhaltigen Reisen geht es nicht um Perfektion, sondern um den Versuch. 

Ok, lassen wir die Kirche mal im Dorf – ist nachhaltiges Reisen überhaupt realistisch? Kann man diesem Anspruch überhaupt gerecht werden, ohne als fernwandernde Wildbiesler*in in Hanfklamotten zu enden (nicht, dass das etwas Schlechtes wäre)?

Ich sage, ja. Jeder kann nachhaltigER reisen. 

Das N-Wort (Nachhaltigkeit) mag derzeit vielleicht etwas überstrapaziert werden, ist aber dennoch eines meiner Lieblingswörter. Es beschreibt den rücksichtsvollen Umgang mit unseren Ressourcen einfach zu treffend. Trotzdem ist es ein dehnbarer Begriff und schwer zu messen. 100%ige Nachhaltigkeit beim Reisen ist momentan wohl nicht mehr als eine Vision. Aber wir können alle mal unsere Pobacken zusammenkneifen, das Gutmenschen-Gen schulen und den Versuch wagen, so nachhaltig wie möglich zu reisen – findet ihr nicht? 

Find ich auch. Darum hab’ ich hier meine Tipps zusammengefasst, wie jeder nachhaltig reisen kann:

nachhaltiges Reisen Vietnam

Der Guide für nachhaltige Reisende und die, die es gerne werden wollen

Zunächst einmal: Nachhaltig reisen, nachhaltigem Tourismus, sanfter Tourismus – was hat es eigentlich damit auf sich?

Ich will mich hier gar nicht weiter damit aufhalten, fachzusimpeln und aufzudröseln, ob diese drei Begriffe haargenau das selbe bedeuten oder nicht. Die Idee dahinter ist klar: Reisen soll mehr Gutes als Schlechtes bewirken. Es gilt, den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten – doch damit nicht genug. Abseits des respektvollen Umgangs mit Flora & Fauna, gibt es außerdem ökonomische und soziale Gesichtspunkte. 

Nachhaltiger Tourismus beschäftigt sich also mit: 

  • Natur: nicht selten hat das Reisen selbst die Eigenart, auf eine schön anzusehende Natur angewiesen zu sein. Wäre also ganz schön dumm, darauf nicht Rücksicht zu nehmen. 
  • Wirtschaft: die lokale Wirtschaft soll vom Tourismus profitieren – nicht die champagnerschlürfenden Immobilien Mogule.
  • Gesellschaft: sanfter Tourismus soll die Kultur, die Tradition und die Bräuche der einheimischen Bevölkerung wahren

Nachhaltig ankommen

Eine jede Reise beginnt mit dem Losziehen. Die wenigsten gehen zu Fuß in den Urlaub, weshalb die Wahl des Verkehrsmittels eine große Rolle für den ökologischen Fußabdruck einer Reise hat. 

Spätestens seitdem das Wort “Flugscham” seine Runde gemacht hat ist klar, dass das Fliegen aus diesem Blickwinkel keine gute Wahl ist. Häufig wäre es sogar umweltfreundlicher ALLEINE mit dem Auto zu fahren, anstatt in einem ausgebuchten Flugzeug zu sitzen. 

Wenn du also auf Reisen gehst, wähle deine Transportmittel nach dieser Reihenfolge aus: 

  • Zug: ich persönlich liebe das Zugfahren! Ich pflanz mich in meinen Sitz schlage ein gutes Buch auf, höre Musik oder Podcast und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen – und minimiere nebenbei meinen ökologischen Fußabdruck. Auf der einfachen Strecke München – Rom spart das Reisen mit dem Zug beispielsweise über 90 kg CO² im Vergleich zum Fliegen. 

Leider muss man in Deutschland für das Zugfahren oft tiefer in die Tasche greifen. Hier lohnt es sich auf jeden Fall frühzeitig zu planen, da die Sparpreise der Bahn dann am attraktivsten sind. Checkt auch mal die Angebote bei Interrail – dort gibt’s günstigere Bahnpässe für ganz Europa!

  • Bus: Zugverbindung zu teuer oder nicht vorhanden? Dann sollte der Bus eure nächste Wahl sein. In Ländern, in welchen der Backpacking-Tourismus schon etwas etablierter ist, gibt es die wildesten Busverbindungen – oft unschlagbar günstig und viel komfortabler als man annehmen mag. Für Reisen innerhalb Deutschlands und Europas ist Flixbus meine erste Anlaufstelle. 
  • Auto: das Reisen mit dem Auto birgt den wunderbaren Vorteil der Flexibilität. Man ist nicht an Fahrpläne gebunden und muss sich kein Mietauto nehmen, um die Gegend vor Ort zu erkunden. Statt dieses Jahr also mit deinen Freunden auf Malle zu fliegen, packe sie einfach in ein Auto und düse los. Ein voller Wagen rechnet sich umwelttechnisch mehr, wenn dafür auf Flüge verzichtet wird. 
  • Flugzeug: wenn schon fliegen, dann kompensieren! Über Portale wie atmosfair kannst du deine CO²-Emissionen mit Spenden an klimapositive Projekte “ausgleichen”. Allerdings darf das keine Ausrede sein, weiterhin ungeniert um den Globus zu fliegen. Jeder eingesparte Flug zählt!

Tipp: Bei EcoPassenger kannst du den ökologischen Fußabdruck für Zug, Auto und Flugzeug auf beliebige Strecken vergleichen. 

Zugreisen
Ich habe das Zugfahren für mich entdeckt.

Nachhaltig schlafen

Ich gebe zu, das ist der Punkt, der mir selbst am schwersten fällt. Vor allem, wenn man auf sein Reisebudget schauen muss, bleibt die Suche nach explizit nachhaltigen Unterkünften häufig ergebnislos. 

Hier eine Auswahl an Online-Portalen, die dir die Suche nach umweltfreundlichen Unterkünften erleichtert: 

Bookitgreen

Bookdifferent

GoodTravel

SocialBnb

EcoBnb

Gutbürger Reisen

Solltest du am liebsten in Hostels absteigen, ist es im Vornherein oft schwierig abzuschätzen, wie nachhaltig ein Hostel handelt und wie fair die Mitarbeiter behandelt werden. Trotzdem finde ich, dass Hostels eine gute Alternative sind, weil sie viele Gäste auf kleineren Raum unterbringen und somit weniger Land und Wohnraum wegnehmen als Hotels. 

Tipp: Schon mal was von Ecosia gehört? Ecosia ist eine nachhaltigere Alternative zu Google – eine Suchmaschine die Bäume pflanzt und mit Ökostrom läuft. Meine Hostels suche ich darum immer über Ecosia Reisen. Dort werden die Preise für Unterkünfte verschiedenster Buchungsportale verglichen. Ich persönlich habe damit super Erfahrungen gemacht und ganz nebenbei Bäume gepflanzt! 

Eine weitere Möglichkeit etwas nachhaltiger zu nächtigen sind Bio-Hotels. Dort kommen Speisen aus ökologischer Landwirtschaft auf den Tisch und sowieso legen diese Hotels mehr Umweltschutz an den Tag. Nicht selten wird sogar komplett klimaneutral gewirtschaftet. Leider sind diese Unterkünfte eher nix für’s schmale Budget. 

Nachhaltig besuchen: Auswahl der Orte

Sodala, jetzt wird’s unbequem. Die Entscheidung, wohin unsere Reise gehen soll, hat einen großen Einfluss auf unsere “Sanftheit” als Tourist. Zum einen natürlich, wegen der Entfernung. Ein näher gelegenes Reiseziel ist für weniger Treibhausgase verantwortlich als ein weiter entferntes – klar oder? Außerdem wäre ersteres leichter ohne Flugzeug zu erreichen. 

Darüber hinaus solltest du, wenn möglich, auf Folgendes verzichten

Overtourism: Wenn die Natur und Tierwelt leidet, wenn die Einheimischen von den Touristen genervt sind und Wohnraum knapp wird, sind das Indizien für Overtourism bzw. Übertourismus – eine Steigerung des Massentourismus. 

Tourismus mit Tieren: Pikantes Thema! Tiere, die in der Wildnis nicht mehr überlebensfähig wären oder vor der Gefahr Mensch bewahrt werden, leben oft in Sanctuaries oder Wildparks. Diese sind auf zahlende Touristen angewiesen, weil Spendengelder oft nicht ausreichen. Ich persönlich finde es ok, solche Einrichtungen zu besuchen und den Tieren einen Besuch abzustatten. Was ich NICHT ok finde: auf den Tieren zu reiten und mit ihnen zu baden (Stichwort: Elefanten in Asien). Selbst, dass Touristen Tiere in manchen Parks füttern dürfen, wird häufig kritisiert. Bevor du eine solche Einrichtung also besuchst und unterstützt, informiere dich vorher gründlichst über die Lebensbedingungen der Tiere und die Rahmenbedingungen deines Besuchs. Scheue auch nicht davor zurück Fragen zu stellen! 

Unberührte Orte: Viele sind auf der Suche nach den top secret Insider Tipps, aber nur wenige finden sie und das ist auch gut so. Es gibt nicht mehr viele unberührte Flecken auf dieser Erde, vor allem nicht in Ländern mit starken Tourismus. Versuche lieber Orte zu finden, die zwar erschlossen, aber nicht vom Massentourismus gebrandnarbt sind. Bleibe beim Wandern auf den Wanderwegen. Frage Einheimische nach ihren Lieblingsorten. 

overtourism thailand
Viele Orte leiden an den Folgen von zu viel Tourismus.

Nachhaltig verhalten

Klingt einfach? Ist es auch! Nachhaltiges Verhalten bedeutet für mich einen rücksichtsvollen Umgang mit der Umwelt – sei es Natur, Tier oder Mensch. Ich habe hier eine kleine Liste mit konkreten Tipps und Anregungen zusammengefasst. Manches mag für den einen oder anderen bereits auf der Hand liegen, manches nicht. Falls ihr noch weitere Ideen habt, immer her damit!

  • verwende die richtige Sonnencreme: achte darauf, dass dein Sonnenschutzmittel kein Benzophenon-3, Oxybenzone oder Octinoxate enthält und als meeres- oder korallenfreudlich (“reef safe”) gekennzeichnet ist.
  • versuche Müll so gut es geht zu vermeiden. Das ist sehr schwer, ich weiß. Wenn also doch einer anfällt, lasse ihn NIEMALS irgendwo liegen (auch keine Zigarettenstummel) 
  • nutze Wasser-Refill-Stationen, um Plastikflaschen einzusparen
  • gehe Müllsammeln. Kein Bock alleine? Trash Hero organisiert Aufräumaktionen in Europa, Südostasien, Australien und USA.
  • act like a local – greife auf regionale Speisen zurück & kleide dich angemessen (vor allem an heiligen Orten!) 
  • Wir alle sollten rücksichtsvoll mit der Natur umgehen. Das heißt: auf den gekennzeichneten Wanderwegen bleiben, keine Reis-, Mohn- oder Lavendelfelder zerstampfen, keine wilden Tiere füttern, etc. 
Müllverschmutzung Plastik Strand
Wenn du Müll siehst – nimm ihn mit.

Nachhaltig packen

Wer leichter reist, kann sich umweltfreundlicher fortbewegen. Nimm also nur das mit, was du wirklich brauchst. In den meisten Fällen sind drei Paar Schuhe unnötig. Auch, wenn du eine längere Reise planst, empfehle ich, nur so viel zu packen, dass du eine Woche über die runden kommst. Lieber öfter mal waschen als sich einen Ast zu schleppen. 

Das packe ich ein, um unterwegs Müll zu vermeiden

  • meine Wasserflasche
  • eine faltbare Tupperbox (z.B. super für Street-Food in Thailand) 
  • Besteck 
  • einen Bambus-Strohhalm (z.B. für Smoothies und Kokosnüsse)
  • meinen auslaufsicheren Kaffeebecher
  • einen Baumwollbeutel

Dinge, die deinen Kulturbeutel umweltfreundlicher und leichter machen: 

  • Seife und Shampoo in festem Zustand. Ich verwende unterwegs z.B. immer den Duschbrocken – 2in1 Seife & Shampoo. 
  • Kokosöl – das verwende ich zur Haut- und Haarpflege und zum Abschminken. Tut auch bei Sonnenbrand gut. Könnte ich mir auch gut mit anderen Ölen vorstellen, z.B. Jojoba- oder Arganöl. Dazu habe ich allerdings noch keine Erfahrungswerte. 
  • Festes oder selbstgemachtes Deo. Auf dem YouTube-Kanal von Rebecca Chelbea gibt’s dazu ein super Rezept. 
  • Bambuszahnbürste 
  • Rasierhobel
  • Zahnputztabletten 

Nachhaltig shoppen

Bevor du in die überlaufenen Souvenirshops an der Touri-Meile rennst, wo dir billige Kühlschrankmagneten und Modeschmuck made in China auflauern, halte lieber Ausschau. Halte Ausschau nach Märkten für Kunsthandwerk, regionalen Mitbringseln oder jungen Start-ups, die die Welt verbessern wollen. Eine kurze Google- bzw. Ecosia-Suche im Voraus schafft oft Inspiration, wenn du nicht weißt, wo du suchen sollst. 

Versuche dem Drang zu widerstehen, auf große Shoppingtour zu gehen. Wir alle kennen dieses Im-Urlaub-gönn-ich-mir-was-Gefühl, aber wirklich nachhaltig ist das nicht. Erst recht nicht, wenn es sich dabei um Fast Fashion handelt. Wenn du wirklich etwas Neues zum Anziehen brauchst oder Mode gerne als Andenken mit nach Hause nimmst, besuche lieber Flohmärkte oder Second Hand Läden. Dort finden sich viel außergewöhnlichere und noch dazu nachhaltigere Schätze. Auch hier kann das Internet bei der Suche helfen. 

In den meisten Städten gibt’s coole Second Hand Läden – wie hier in Jakarta.

Nachhaltig essen

Reisen hat für mich auch immer etwas mit kulinarischen Entdeckungen zu tun. Das Essen ist Teil einer Kultur und es macht einfach Spaß (und satt) sich durch die landestypischen Gerichte zu probieren. Hier darf man zuschlagen, denn häufig ist die einheimische Küche gleichzeitig regional und saisonal. Das unterstützt die lokale Lebensmittelwirtschaft sowie die Gastronomie. Schlemme also Lokalitäten nach Lust & Laune, aber vermeide globale Ketten – davon profitieren die Anwohner meistens relativ wenig. 

Versuche außerdem, und dieser Punkt muss jetzt natürlich kommen, auch mal fleischlos zu speisen. Fleisch ist um ein vielfaches ressourccenintensiver und umweltverschmutzender in der Herstellung, als pflanzliche Kost. Fischfang (und dazu zählt auch das Fangen von Shrimps & co.) kann ebenfalls nicht im entferntesten als nachhaltig bezeichnet werden. Darum einfach mal veggie genießen! 

Strenge Veganer werden es in manchen Ländern etwas schwer haben, aber vegetarisch kommt man eigentlich überall durch.

Tipp: mit Happy Cow findest du fast auf der ganzen Welt Restaurants mit veganem und vegetarischem Angebot. Gibt’s auch als Smartphone App.

Kokosnuss vom Händler (mit eigenem Bambusstrohalm) anstatt Starbucks – happy.

So, das waren meine Tipps für eine umweltfreundlichere Art die Welt zu erkunden, zusammengefasst in meinem Guide für nachhaltiges Reisen. Keine Panik, falls sich der ein oder andere Anfangs etwas überwältigt fühlt. Sei nicht so streng mit dir, der Weg zu einem nachhaltigeren Lebensstil ist vor allem eines: ein Weg. Darum genieße ihn und lerne. 

Ich lerne auch unglaublich gerne aus den Erfahrungen anderer, darum habe ich ein paar meiner liebsten Sinnfluencer nach ihren besten Tipps für’s nachhaltige Reisen gefragt. Schau vorbei!

1 Kommentar Neuen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.